Mannheimer Morgen 4. April 2007

Passion führt Zuhörer in die klangliche Vergangenheit
LINDENHOF: Bachs Musik in der Johanniskirche voller Erfolg
Von unserer Mitarbeiterin Hanna Fischer


Wie die Musik zur barocken Zeit Johann Sebastian Bachs gewesen sein musste, konnte man mit der Aufführung seiner Johannespassion aus dem Jahr 1724 in der Johanniskirche erahnen. Die Bachsche Aufführungspraxis nachzeichnen - das war das erklärte Ziel für Hae-Kyung Jung, Kantorin der Johannisgemeinde und Leiterin des Großprojekts. Um tatsächlich möglichst nah am Werk, so, wie es vermutlich von Bach gedacht war, zu musizieren, erwies sich die Mitwirkung der "Mannheimer Hofkapelle" dabei als ideal.

Mit Instrumenten des 18. Jahrhunderts gelang so eine Aufführung in historischer Manier. Sowohl in der Zusammensetzung des Kammerorchesters als auch in der Bauweise der Instrumente unterscheiden sich die Ensembles von früher und heute erheblich. Die barocken Querflöten wurden aus Holz hergestellt, die Gambe - eine Mischung aus Viola und Cello - und die Laute finden sich in den modernen Kammerorchestern kaum.

Die "Mannheimer Hofkapelle" ist als Projekt des "MusikForums Mannheim e.V. - Zentrum für Alte Musik" erst in diesem Jahr hervorgegangen. In flexibler Zusammenstellung, ohne feste Struktur und Besetzung, gestaltet das internationale Ensemble zahlreiche Konzerte. Der Schwerpunkt liegt auf Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert - und das in Rekonstruktion der damaligen Spielweise an den Höfen von Mannheim, Darmstadt, Dresden, Wien, Paris und anderen Zentren der barocken Musik. Mit Florian Heyerick aus Belgien und John Holloway aus England haben sich bereits vor zwei Jahren zwei prominente Musiker zusammengefunden, das "Mannheimer Zentrum für Alte Musik" gegründet und mit dem Aufbau des Hofkapellen-Projekts begonnen.

Für Hae-Kyung Jung, die Anfang 2006 die Nachfolge des langjährigen Kirchenmusikdirektors Klaus Heller antrat, ist die Aufführung des ersten erhaltenen Großwerks von Bach "aufregend und sehr interessant", wie sie versichert. Erst während ihres Studiums und ihrer Zeit als Assistentin des Landeskantors Kord Michaelis in Pforzheim bekam die Kirchenmusikerin die Gelegenheit, das Werk "live" zu erleben. Überwältigt vom Erlebnis dieser Musik hegte sie seither den Wunsch, eine "eigene" Johannespassion zu leiten, was ihr nun mit der Aufführung in der voll besetzten Johanniskirche gelang. Genauso wie der stimmgewaltige Chor beeindruckte, überzeugten auch die fünf Solisten Christina Beckmann (Sopran), Annette Wieland (Alt), Michael Feyfar (Tenor), Markus Volpert (Bass) und Markus Lemke (Jesusworte) mit ihrem ausdrucksstarken Gesang.

Ganz anders als die eher meditativ wirkende Matthäuspassion von Bach ist die Johannespassion durch eine ausgesprochene Dramatik gekennzeichnet. Mit dem Einsatz von Rezitativ, Arien, Chören und Chorälen verwendete der Komponist, Organist und Cembalist alle Elemente der oratorischen Passion.

Bereits im Herbst und parallel zum Einstudieren des Weihnachtsprogramms begannen Jung und der Kirchenchor mit den Vorbereitungen für die Johannespassion. Nicht nur für Jung, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger war das Großprojekt absolutes Neuland: Eine spezielle Gesangstechnik und eine für die heutige Sprache unübliche Wortgestaltung machten die anspruchsvolle Werkinterpretation zu einer Herausforderung für alle Beteiligten.

Mit 50 Mitgliedern ist der Kirchenchor für eine Kantorei eher klein. "Damit ist es aber viel eher möglich, sich der Bachschen Aufführungspraxis anzunähern", erklärt Jung. Auch Bach verfügte in seiner Leipziger Zeit über kaum mehr Mitglieder. Eine Verschnaufpause nach dem Großprojekt gönnen sich Kantorin und Chor nicht: Schon im kommenden Herbst steht das nächste Oratorienkonzert auf dem Programm: Die "Petite Messe Solonnelle" von Gioachino Rossini wird am 21. Oktober in der Orchesterfassung zu hören sein.

Mannheimer Morgen
4. April 2007


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