Mannheimer Morgen 16. August 2007

Immer auf der Suche nach Neuem
DAS INTERVIEW: Konzertveranstalter Thomas Rainer erläutert die "Wiedergeburt" der Mannheimer Hofkapelle im September
Von unserer Mitarbeiterin Monika Lanzendörfer


Um der Zukunft willen zurück ins Barock: Mit Alter Musik ein neues, junges Publikum anzusprechen - das ist ein Ziel, für das Thomas Rainer, Leiter der Agentur Allegra, die Mannheimer Hofkapelle wieder beleben möchte; zu Zeiten Carl Theodors wurde sie in ganz Europa bewundert.

Herr Rainer, Sie bereiten gerade im Kloster Eberbach eine Opernproduktion vor. Worum handelt es sich dabei?

THOMAS RAINER: Die Musikhochschule Frankfurt am Main hat mich mit der Produktionsleitung für die Barocknächte im Kloster Eberbach beauftragt. Im Rahmen des Rheingau-Musik-Festivals wird in diesen Barocknächten als Höhepunkt und Abschluss "Orfeo" von Claudio Monteverdi aufgeführt. Das Spannende dabei: Die 60 Mitwirkenden kommen aus den Hochschulen Frankfurt, Genf, Basel und Barcelona, und als Dirigent haben wir den Monteverdi-Spezialisten Gabriel Garrido aus Argentinien gewinnen können. Also im wahrsten Sinne eine europäische Zusammenarbeit.

Ihr nächstes großes Projekt ist die "Wiedergeburt der Mannheimer Hofkapelle". Ihr geht eine Sommerakademie voraus. Wer sind die Dozenten des Ferienkurses?

RAINER: Die Idee der jährlichen Sommerakademie besteht darin, mit Spezialisten aus führenden Alte-Musik-Ensembles als Dozenten zusammenzuarbeiten. In diesem Jahr haben wir Mitglieder von Concerto Köln und dem Freiburger Barockorchester gewinnen können: Swantje Hoffmann (Violine), Peter Frankenberg (Oboe), Viola de Hoog (Violoncello), Renée Allen (Horn) und Lorenzo Alpert (Fagott).

Dirigent Florian Heyerick ist die treibende Kraft des Unternehmens "Wiedergeburt"?

RAINER: Herr Heyerick ist wieder als künstlerischer Leiter für die Orchesterarbeit zuständig. Er bringt all seine Kraft und sein Wissen ein. Gemeinsam mit ihm hatte ich vor drei Jahren die Idee entwickelt, Mannheim als Musikstadt im Bereich der historischen Aufführungspraxis einen höheren Stellenwert zu geben. Mit dem "MusikForum Mannheim - Zentrum für Alte Musik" als Veranstalter versuchen wir, die große Bedeutung, die Mannheim im 18. Jahrhundert hatte, zu zeigen.

Glauben Sie als Leiter einer auf Alte Musik spezialisierten Agentur, dass das Musizieren auf historischen Instrumenten neue Einsichten bringt?

RAINER: Mit Sicherheit jeden Tag. Es geht ja nicht darum, eine Zeit wieder herzustellen oder einen Zustand zu konservieren. Künstler, die sich mit den Fragen der historischen Aufführungspraxis beschäftigen, sind neugierig, wissensdurstig, probieren etwas aus und sind immer auf der Suche nach Neuem. Das hört man dann auch in den Aufführungen: Die Alte Musik klingt frisch und lebendig. Gerade dieses Klangbild spricht auch ein junges Publikum an, und das brauchen wir für die Zukunft.

Worin besteht die Wiedergeburt? Das Ensemble ist doch unter Heyerick schon mehrfach aufgetreten?

RAINER: Erstmals wird am 14. September im Rittersaal des Schlosses der Klangkörper der Hofkapelle wieder in Originalbesetzung und auf historischen Instrumenten mit Werken der Mannheimer Schule zu hören sein. Die Besetzungsstärke von etwa 40 Musikern, die es in der Blütezeit der Hofkapelle gegeben hat, wird also berücksichtigt. In diesem Konzert wird zu spüren sein, warum die Musiker aus Mannheim im 18. Jahrhundert ganz Europa in Staunen versetzt haben. Das wird die eigentliche Wiedergeburt eines einzigartigen Klangkörpers.

Woher kommen die historischen Instrumente?

RAINER: Es ist mittlerweile keine Besonderheit mehr, dass sich Musiker bereits in ihrer Ausbildung nicht nur mit dem modernen Instrumentarium beschäftigen, sondern sich auch mit historischen Instrumenten beschäftigen müssen, um eine Chance auf dem heutigen Musikmarkt zu haben. Auch in der Metropolregion leben mittlerweile viele Musiker, die auf barocken oder klassischen Instrumenten spielen. Diesen Musikern wollen wir eine Plattform bieten, sich zu präsentieren und mitzumachen.

Wird das Orchester zur Dauereinrichtung wie zu Kurfürsten-Zeiten?

RAINER: Die Mannheimer Hofkapelle hat keine feste Besetzung. Je nach Programm wird der Klangkörper immer neu zusammengesetzt, um möglichst genau das Klangbild zu zeigen, das der Komponist für sein Werk im Kopf hatte. Mein Wunsch wäre es, dass dieses Orchester eine Chance bei den Verantwortlichen für Kultur der Stadt Mannheim erhält. Neben dem Orchester des Nationaltheaters, dem Kurpfälzischen Kammerorchester und dem Orchester der Musikhochschule kann dieses Orchester eine wichtige Lücke im Musikbetrieb der Stadt füllen. Es gibt hier ein riesiges Potential, das es gilt, europaweit zu präsentieren.

Mannheimer Morgen
16. August 2007


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