Pressemeldungen 2011

Eine komponierende Äbtissin und wilde Tänze

Das Duo Hoffmann/Heyerick ...

Die Spezialisten für Alte Musik sind die verdienstvollsten Neuerer der Klassikszene. Niemand hat in den vergangenen Dekaden mehr Entdeckungen gemacht als sie. Durch eigene Ausgrabungen erweiterten sie das Repertoire und eröffneten neue Vergleichs- und Erkenntnismöglichkeiten. Ein in diesen Hinsichten idealtypisches Programm boten Swantje Hoffmann und Florian Heyerick beim traditionellen Festival für Alte Musik "Klang im Kloster" zum Frankfurter Museumsuferfest im Refektorium des Karmeliterklosters.

Die an der Frankfurter Musikhochschule ausgebildete und nun dort lehrende Violinistin und der Professor aus Gent, der hier an Cembalo und Hammerflügel zu hören war, zogen mit unbekannten, durchweg starken Werken einen großen Bogen vom Barock bis zur Romantik. Das gelang im ersten Teil mit originellen und stilistisch eigenwilligen Werken aus Italien wie der "Sonata seconda detta La luciminia contenta" von Marco Uccelini. Einsätzig, aber vielteilig klang sie abwechselnd altertümlich und in der Harmonik ungemein modern und exzentrisch wild.

Ähnliche Qualitäten zeigte die 1693 und damit wesentlich später entstandene Sonata duodecima op. 16 von Isabella Leonarda, die als Äbtissin niemand am Komponieren hindern konnte, wie Heyerick, der auch als Dirigent und Musikwissenschaftler tätig ist, in seinen prägnanten Erläuterungen ausführte. Priester und Geigen-Virtuose wie Vivaldi war Francesco Antonio Bonporti, der mit seiner "Aria cromatica e variata" ein kühnes harmonisches Experiment wagte. Stark von Chromatik durchsetzt war auch die siebte Sonata in f-Moll aus der Sammlung Opus 6 von Pietro di Locatelli. Dass er ein reisender Virtuose war, war dem mit Doppelgriffen nur so gespickten Werk anzumerken, von Hoffmann blitzsauber und mühelos vorgetragen.

Mozart lernte als reisender Wunderknabe in Italien sicher noch Werke dieser Art kennen. Seine in Locatellis Sterbejahr 1764 geschriebene Violinsonate F-Dur KV 13 zeugt allerdings von einem Perspektivwechsel. Wirkte in den vorangegangenen Werken des Programms das Cembalo als Continuo-Instrument, fiel die Begleitrolle nun eher der Violine zu. Um den tonschwächeren Hammerflügel nicht zu übertönen, muss der Geigenpart jedoch bewusst gedeckt gespielt werden, was Hoffmann sehr geschickt tat. In große Nähe zu Mozart rückte durch den farbenreichen Klang des damals üblichen Hammerflügels auch Schuberts erste Sonatine D-Dur D 384....

30.08.2011 - GUIDO HOLZE (F.A.Z.)

 

Flöte wie Laute

Klang im Kloster


Zum Abschluss des Festivals für Alte Musik "Klang im Kloster" zelebrierte ein bestens gelaunter Michael Schneider zusammen mit dem sich sonor und sanglich einfügenden Theorbisten Yasunori Imamura und der bezaubernden Gambistin Sophie Se-Hee Lee im Refektorium des Karmeliterklosters einen Brückenschlag vom Frühbarock zu den ausgereiften Formen des Hoch- und Spätbarocks. In der Canzona a tre von Bartolomeo de Selma y Salaverde (1595 bis 1638) waren alle Verzierungen ausnotiert. Doch sie wirkten, als hätten die drei gleichberechtigten Instrumentalisten sie improvisiert, um mit ihnen eine Geschichte ohne Worte aus drei Perspektiven gleichzeitig zu erzählen. Auch die Canzona für Gambe und Basso continuo von Girolamo Frescobaldi (1583 bis 1643) ließ noch deutlich ihre Herkunft aus dem Renaissancelied erkennen.
Doch schon etwa zur gleichen Zeit bezeichneten Giovanni Battista Fontana und Dario Castello ihre Kompositionen schon ausdrücklich als instrumentale Klangstücke, Sonaten. Typisch instrumentale Momente waren etwa das durch vielerlei Gestalten irrlichternde Flötenmotiv in Fontanas Sonata Seconda, in Castellos "Sonata Seconda in d" der schon fast gespenstische Schlagabtausch zwischen Blockflöte und Gambe. Einer der Höhepunkte des Konzerts war Sophie Se-Hee Lees Interpretation von Telemanns Fantasia à Viola da Gamba senza Basso in D-Dur: ein Kompendium der Klangmittel von bisweilen mehrstimmiger, sogar kontrapunktischer Sanglichkeit über innere Dialoge, ein instrumentalen Rezitativ und akkordische Wolkenformationen zu einem über alle Erdenschwere erhabenen Tanz.
An eine sich etwas blass vermittelnde Bearbeitung von Bachs Erster Cellosuite BWV 1007 für Theorbe schloss sich ein wahres Kuriosum an, die Suite für Blockflöte Solo in g-Moll von Johann Martin Blockwitz (1690 bis 1742). Rasend schnelle Akkordbrechungen ließen im wiederholten Anklingen gleicher und benachbarter Töne den Eindruck von Orgelpunkten und Mehrstimmigkeit aufkommen, als wollte Schneiders Blockflöte sagen: "Was die Laute kann, das kann ich auch."

01.09.2011 - ELISABETH RISCH (F.A.Z.)


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